Groundhog Day

Der zweite Februar ist „Groundhog Day“, wie wir späterstens seit dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (amerikanisch eben „Groundhog Day“) wissen. Bill Murray spielt darin Phil Connors, einen nahezu misanthropen TV-Wettermoderator der den Groundhog Day wieder und wieder erlebt und sich dabei hollywoodtauglich zum liebenswerten Gentleman wandelt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang was in dem Film nur anklingt, Connors schöpft aus dem „Möglichkeitsraum“ (vergl. Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“  z.B. über  Frank Pionteks Blog).

Robert Musil propagiert, man solle doch den Möglichkeitssinn genau so ernst nehmen wie den Wirklichkeitssinn. Dabei „übersieht“ er vielleicht um wieviel umfangreicher unsere Möglichkeiten im vergleich zu den sich realisierenden Wirklichkeiten sind. Connors kann dabei, da für ihn die Zeit zwar nicht still steht aber sich doch wiederholbar und damit vorhersagbar „verhält“ Möglichkeiten ausschöpfen die selbst mit dem „wildesten“ Möglichkeitssinn nicht erreichbar wären, den anders als es eine „normale Zeitschleife“ erlauben würde (vergl. Stanislaw Lem: „Die Sprechstunde des Professor Tarantoga“, wo die Zeitmaachine die Menschen in die Zeit zurück versetzt und damit auch ihr Gedächtnis löscht), behält er sein Gedächtnis, so kann er jahre lang Klavier üben, alle Menschen kennen lernen (inklusive der sexuellen Vorlieben aller „verfügbaren“ Frauen) und wir wissen nicht welche Abgründe er dabei auslotet …

Am Ende findet er sein „Heil“ (und die Erlösung aus der Endlosschleife) durch Altruismus und weniger vordergründiger Ichbezogenheit. Spanned, der Regiseur erklärt im Interview, das diese Erlösung „Alle“ angesprochen hätte und Christen, Buddhisten, Angehöriger fast aller Relgionen, aber auch Atheisten ihn zu den „Ihrigen“ gerechnet haben.

Was hat das mit Cage zu tun?

Wie alle Komponisten schöpft Cage aus dem Möglichkeitsraum um musikalische Wirklichkeiten entstehen zu lassen. Man kann dies nun tun wie Beethoven (Cages „Lieblingsfeind“), in dem im stillen Kämmerlein haargenau fest gelegt wird wer wann was zutun hat um welche Wirkung zu erzielen, als eine Art Regiseur der Gefühle.

Oder wie es wohl Musil getan hat (ich kenne das Buch hauptsächlich aus der BR2 Hörspielreihe „Der Mann ohne Eigenschaften. Remix“ von 2004 z.B. Medienpool), als Ingenieursmäßiger Beobachter bzw. Schöpfer einer Welt.

Oder wie Cage (dessen bewunderter Vater ebenfalls Ingenieur und Erfinder war). Schon Schönberg nannte Cage einen „Musikerfinder“. Cage schränkt den „nahezu unendlichen“ Möglichkeitsraum nicht durch die Suche nach einer perfekten Wirkung ein, sondern durch die Konstruktions eines Möglichkeitsramens der den Interpreten mehr oder weniger bei der Verwirklichung der Musik leitet und einschränkt.

Dieser Ansatz scheint radikal zu sein, gehen wir doch davon aus, das wir nicht zufällig etwas erleben oder erlernen, sondern das gerade das Lernen (und komponieren oder schreiben kann wohl als eine Art von Lernen verstanden werden) wir von uns immer als zielgerichteter Vorgang verstanden. Zufälliges Lernen erscheint uns ebenso abstrus wie zufälliges komponieren. Den obwohl Komposition einfach nur  Zusammensetzung heißt, gehen wir davon aus, das dies bewusst (oder eben unbewusst wie in der Improvisation) geschiet. Beides hat Cage versuch zu um gehen. Für ihn war weder Beethoven (als Beispiel der Bewussten, bzw. Genialischen Vorherplanung) noch die Improvisation (vergl. Jackson Pollock oder den Jazz) der richtige Weg. Es scheint so, als wollte er seine „Befreiung“ mit dem „höchsten Zwang“ erreichen, in der Hinnahme des Zufälligen und damit sein „Künstlerisches Ich“ auslöschen.

Doch hier liegt die Krux, den Cage besteht ja dann auf die genaue Umsetzung des einmal (oder im Falle vieler Kommpostionen doch wieder ad hoc) Festgelegten, ein interessanter Widerspruch, der sich auch in (soweit ich weis erst postum ausgetragenen) Uhrheberrechtsstreitigkeiten ausdrück.

So exotisch uns der Weg von Cage auch anmutet, auch unser „normales“ Lernen ist stärker von Zufällen bestimmt was wir das wahrhaben wollen. Den in vielen Fragen der Wissenschaft hängt es vom Zufall ab, mit welchen „Lehren“ wir in Berührung kommen und welcher Schule wir später anhängen. Es kann sein das unsere Berufung dadurch „zunichte gemacht wird“ das wir zur falschen Zeit geboren sind (vergl. Thomas Bernhard „Der Untergeher“ oder Malcom Gladwell „Überflieger“) und es hängt auch (mit) vom Zufall ab, welche Talente wir mitbringen, welche Lehrer wir haben, welche Erlebnisse uns prägen (vergl. Initiation), wie es uns gelingt Anerkennung für unsere Ideen und Gedanken zu fnden und vieles andere mehr.

Der Maler Alfred Darda hat es bei einem Radiointerview so ausgedrückt: Weder den Pinsel, noch die Farben, noch das Papier haben wir selbst gemacht, wir nehmen was wir vorfinden und können damit arbeiten. So können wir auch Fundstücke in unsere Arbeit aufnehmen.

Letztlich kommt es also nicht auf das perfekte Curiculum an (kann es das überhaubt geben?), sondern darauf was wir aus dem Vorgefundenen machen. Darda, Pollock und die Jazzimprovisation sind da verschiedene Möglichkeiten und eben auch der „duchgeistigte“ Ansatz von Cage. Er wollte „ganz klar bei der Sache sein“.

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