Kirschblüten – Haiku – Doris Dörrie

Gedanken zu »“Mein Traummann hat … ein großes Herz“ ein Gespräch mit Doris Dörrie«

aus „Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 41. 12. Oktober 2012
Darf’s ein bisschen Er sein?
Ein »Traummann«: Was soll das überhaupt sein?“

Doris Dörrie, 11 Jahre älter als ich, hat in ihrem Leben so ziemlich alles erreicht wovon ich immer nur träumen konnte. Sie ist eine Alphafrau und das heißt (oberflächlich, aus der Sicht dessen was man so über sie weiß), es ist nicht viel schief gegangen in ihrem Leben. Sie könnte für das Klischee eines Genies herhalten.

Der Film „Männer“ macht sie über Nacht berühmt, Siegerin eines Brigitte Schreibwettbewerb (=Bettina-von-Arnim-Preis, 1 aus 3000 Einsendungen), sie ist Professorin an der Filmhochschule … es fällt schwer so einen Lebenslauf nicht mit Neid zu betrachten. Nein, mein Leben verlief ganz anders, weniger geradlinig und ich bin wohl noch immer auf der Suche.

Doch könnte man ihre Geschichte auch anders lesen. Sie war 38 als das Sterben ihres Mannes begann (sie hat es in dem Film „Kirschblüten – Hanami“ poetisch verarbeitet):

„Die wirklich entsetzliche Erfahrung in dieser Zeit war das komplette Verbot von Zukunft. Angst und Hoffnung sind zwei Folterknechte. Wenn man hofft, kommt gleich die Angst hinterher und sagt: nein, nein. Das zermürbt und setzt einen außerstande, dem anderen zu helfen, weil man keine Kraft mehr hat. Man muss sich radikal befreien von Angst und Hoffnung.

SZ: Kann man sich das so antrainieren?

Musste ich. Sonst wäre ich aus dem Fenster gesprungen. Ich konnte vor Angst stellenweise nicht mehr atmen. Aber ich hatte eine kleine Tochter zu versorgen und meinem Mann zu helfen. Ich konnte nicht ausfallen. Und ich habe erfahren, wie man dem Augenblick die Chance gibt, schmerzfrei zu sein oder vielleicht sogar glücklich. Was einem immer bleibt, ist die Gegenwart“.

Allein ein kleiner Beigeschmack der eigenen Wehmut bleibt mir bei all dem fremden Leid, das ich hier nur erahnen kann: Das ist schon wieder großes Kino. Wenn ich an das Leid denke das ich erfahren musste, muss ich immer an den Satz von Goethe denken den Konstantin Wecker mir immer wieder um die Ohren haut(e):

„Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“

Und das heißt, ich bin kein Götterliebling! Oder hab ich es nur noch nicht verstanden? Bei Doris Dörrie ist es klar, Olymp und Hades, die Läuterung im Fegefeuer der Todeserfahrung (die ja immer die Erfahrung des Todes anderer sein muss. Den eigenen Tod können wir nur einmal erfahren und da bleibt die Frage ob man das Erfahrung nennen kann). Ganz klassisch, großes Kino, ganz klar ein Genie, so sind wir konditioniert.

Und deshalb sage ich: Der Nobelpreis ist die Fortführung des Dynamit mit anderen Mitteln! Denkmäler brauchen Platz.

Was ist aber, wenn das Leid sich langsam auf die Seele legt, wenn man die Erfahrung von ständigen Schmerzen hat, wenn man immer wieder anläuft und scheitert, weil man nicht verstanden hat?
Oder weil man Schonhaltungen entwickelt hat, kleinen Hilfen die einem das Leben erleichtern sollen und die sich nun als Bumerang erweisen. Alphatiere verwenden gerne den Ausdruck Triefnasen und Ähnliches, für all diejenigen, die bei der Lotterie des Sozialdarwinismus leider frühzeitig ausgeschieden sind. Für den Alpha zählt nur der Alpha (solange er einem nicht gefährlich werden kann. Gott sei Dank gibt es ja viele Disziplinen, da tut man sich nicht weh). „Ein Genie kann nur von einem Genie beurteilt werden“ schwadronierte schon Thomas Mann.

Nach diesem Prinzip des Leistungssports ist unser ganzes Bildungswesen ausgelegt und volkswirtschaftlich mag dies in Ordnung sein. Aber ist es auch moralisch in Ordnung?

Nein, ich habe auch keine Lösung dafür, aber ich teile die Enttäuschung die Wilhelm Rotthaus in „Kindheit in einer gewandelten Welt“ formuliert: „ich bin enttäuscht darüber, zu wie wenig Kooperation und Teamarbeit die meisten Schulabgänger in der Lage sind“. (Die Doppeldeutigkeit seines Buchtitels „Wozu erziehen?“ fällt Pädagogen nie auf, sie fühlen sich vorsorglich immer angegriffen und haben damit immer recht (schon wieder doppeldeutig!)).

Interessant sind Dörries Gedanken zum Thema Rollenaufteilung:

„… gesellschaftlich sind wir immer noch festgefahren in Rollenvorstellungen … Da bewegen wir uns sogar rückwärts.

SZ: Wie erklären Sie sich das?

Mit Angst. Mit ökonomischer Angst. Angst vor wirtschaftlichem Rückschritt. Die hat viele in alte Muster zurückkatapultiert. Wenn man Angst hat, wird man spießig, altmodisch.“

Vielleicht ist es das wogegen John Cage so vehement anrannte? Allerdings ist diese Spießigkeit ja in uns angelegt worden, durch das Schulsystem und das Vorbild unserer Eltern. Aber Doris Dörrie findet noch eine interessante Pointe:

„SZ: Heißt das, die Unabhängigkeit der Frau funktioniert nur in wirtschaftlich guten Zeiten?

Ja und drüber reden wir auch schon ewig. Wir sind ökonomisch sehr anfällig, wenn das große Geld weiter Männerangelegenheit ist.“

Hier möchte ich allerdings entschieden widersprechen, den hier wird „Männerangelegenheit“ mit „Alphamännerangelegenheit“ gleich gesetzt und das klingt mir zu sehr nach EMMAzipation, also „weg mit den Aphamännern unsere Alphamädchen können das besser“, hier wäre ich versucht mit Cage „keine Regierung ist die beste Regierung“ zu rufen, wenn ich, als Chaosforscher nicht wüsste das auch das nicht funktioniert.

Das ist genau das Problem. Denn wir leben in einem Land, das die „große Führerlösung“ ja eigentlich schon durch hat. Und in dem Entscheidungsträger (was für ein Wort), wie ein gewisser Herr Hundt ihre mangelnde Phantasie auch noch als Weisheit verkaufen dürfen: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man mit weniger (Arbeitszeit, Geld, Wachstum was auch immer), seine Aufgeben erfüllen kann“. Diese mangelnde Kreativität wird als Tugend hingestellt.

Der klassische Alpha (und auch die Alphafrauen wie Doris Dörrie) fand eine Universum vor, in dem er immer nur groß siegen durfte (und selten klein verlieren, also da wo es nicht wirklich weh tat). Es fehlt ihm die Ahnung des „kleinen Todes“, des immer Zweiter, Dritter oder Zehnter zu sein. Sie nennen das „die ewigen Verlierer“.

Dabei ist es die Regel nicht Erster zu sein, sein zu müssen. Es ist nicht normal immer recht behalten zu müssen, aber wir halten das für normal. Das ist die tödliche Sprengkraft der Nobel- und sonstigen Preise.

Und die der Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und leider auch der Kunst. Dass die Alphas uns trotzdem manchmal was zu sagen haben beweist Doris Dörrie

„SZ: Was machen Sie gerne mit ihrem Mann?

Ach wir gucken so viel in der Weltgeschichte rum – da sitzen wir zur Abwechslung am liebsten auf der Couch und machen nix“.

Das ist für den Normalbürger vielleicht schon wieder nicht nach vollziehbar, da ihn leicht das Gefühl beschleichen kann, sowieso NIX zu machen (er weis nicht wovon er schweigt). Die SZ fragt auch gleich nach:

„SZ: Können Sie das: einfach gar nichts machen?

Sehr gut. Es gibt ein japanisches Haiku, das geht so:

‚Still sitzend, nichts tuend

der Frühling kommt, und das Gras

wächst von alleine‘

Die lustige Sinnlosigkeit scheint mir zu kurz zu kommen. Sinnloses Zusammensein wird abgeschafft: endloses Mittagessen in Frankreich, stundenlang Rumliegen nachmittags in Spanien. Wenn wir es nicht mehr schaffen, sinnlos miteinander Zeit zu verbringen, entfallen auch viele Möglichkeiten der Liebe“.

Das ist schön gesagt.
Was ich bei Cage gelernt habe: ist „das beredte Schweigen“, wenn ich weiß von was ich schweige, dann verliert das Nichts seinen Schrecken. Das Sinnlose erhält eine Bedeutung, die sich von der ökonomischen Bedeutung ablöst, das ist Emanzipation. Wir erfüllen einander keine Funktionen, der Traum vom Traumpartner verliert an Macht. Lässt uns nicht mehr nach Selbstoptimierung streben, die uns in die Lage versetzen soll die Liebe auch zu verdienen.

Verdienen können wir nur das Potential. Geld steht für das Potentielle, es besitzt selber überhaupt keinen Wert. Es ist das Nichts, das erst Bedeutung erhält wenn ich weiß wovon ich Schweige. Ich weiß nicht ob ich es mit Doris Dörrie wirklich als „sinnlos“ bezeichne möchte, aus der Psychologie ließe sich ja der Sinn des Sinnlosen als notwendige Erholungsphasen ableiten und nahtlos ins Optimierungsgeschehen einfügen („die schönsten Tage im Jahr“ wie die Tourismusindustrie den „Urlaub“ nennt).

Aber der Sinn der dahinter steht, nämlich: Gegenwart die nur auf-sich-selbst-bezogen ist, ist das größte Geschenk das es gibt. Hier wird Zeit nicht totgeschlagen sondern gelebt. So wie man Liebe lebt in dem einfachen Satz: Es ist schön dass es dich gibt.

Cage drückt das aus in dem Satz: «Es interessiert mich nicht, Musik zu schreiben, bei der ich das Ergebnis von vornherein kenne»

Doris Dörrie gibt uns dazu noch auf den Weg: „Wenn man sich ständig in der Zukunft aufhält, verpasst man die Gegenwart. Jede Form von Traum bedeutet eine Enttäuschung für die Gegenwart. Ich versuche zu schauen: Was entdecke ich in dieser Gegenwart? Das halte ich für erstrebenswert und das versuche ich auch zu üben.“

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