Halberstadt und Cage – ein Widerspruch?

Über die Cage-Orgel-Stiftung erreichte mich folgende Stellungnahme der Familie Begemann zur Sendung DLF 22.12. „Atelier neuer Musik“ von Georg Beck (die ich selber nicht gehört habe), mein Kommentar folgt unten:

»22.12.2012 22:05 Uhr

Atelier neuer Musik

Forschungsplatz Orgelbank
Der Organist und Komponist Gerd Zacher
Von Georg Beck

Wer zur Avantgarde gehört(e), hat für ihn komponiert. Für Gerd Zacher (Jahrgang 1929) zu schreiben bedeutete und bedeutet, für einen wachen Geist zu schreiben. Für einen, der Engagement umfassend versteht. Sei es auf der Orgelbank, am Schreibtisch, in der Komponierstube. Als Komponist, Publizist, Organist ging und geht sein Blick stets ein wenig weiter.

Frescobaldi und Bach sind ebenso gegenwärtig für ihn wie Cage, Kagel, Ligeti, Schnebel und Juan Allende-Blin. Es ist die Neugier, die ihn umtreibt. Seien es neue Orgeltechniken, neue Formen kirchenmusikalischer Praxis oder, auch dies ist Gerd Zacher wichtig, die Fort- und Weiterbildung seiner Hörer.«

»Wir sind erfahrene Besucher von Orgelkonzerten (von Karl Richter bis Iveta Apkalna) und haben Gerd Zacher bereits in den 70er Jahren in St.Sebald/Nürnberg spielen und singen(!) hören.

Anlass unserer Hörerpost ist der unvermittelte und unerwartete Seitenhieb auf das Projekt Buchardi-Kirche Halberstadt, das wir von einem „Klangwechsel“ ebenfalls kennen.

Den in der Sendung behaupteten Widerspruch zu John Cage können wir nicht nachvollziehen, denn der hat mit seinem Stück 4’33“ das Konzertstück vom ausführenden Musiker und bereitgestellten Instrument abstrahiert und die Aufmerksamkeit völlig auf das gelenkt, was sich in den Köpfen der Zuhörer abspielt.

Beim Projekt in Halberstadt ist die Abstraktion mit anderen Mitteln wiederholt (es kommt nicht auf die Apparatur oder ihren Bediener an) und die „Aufführung“ wird lediglich um eine weitere Dimension, die der Zeit nach unserem Tod, erweitert.

Im Übrigen hat das Buchardi-Projekt keinesfalls nur eine musikalische Dimension: Für eine Stadt von außerordentlicher Kulturgeschichte (Baudenkmäler, Domschatz, Literaturarchiv), geschunden durch Kriegs- und Nachkriegszerstörung und bedrängt durch Deindustrialisierung, Metropol-Ferne, Arbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus, ist die Belebung des Buchardi-Areals durch das John-Cage-Projekt eine anerkennswert mutige Wette auf die Zukunft.«

Mein Kommentar:

»Leider kenn ich die Sendung von Herrn Beck nicht, dennoch erscheint mir, dass die Antwort der Familie Begemann in einigen Punkten meinem Verständnis von John Cage zuwiderläuft.

Ich empfand 4’33“ weder als ausführender Musiker noch als Zuhörer als eine Abstraktion, auch kann ich den oft postulierten Unterschied dieses Stücks zu anderen Musikdarbietungen nicht erkennen, denn letztlich ist Musik immer das was sich im Kopf des Zuhörers abspielt. Cage ging es aber, im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten (so war zumindest die Meinung von Cage und sein „Lieblingsfeind“ ist da ja Beethoven) darum, das seine Musik keine Absicht verfolgt, es sollten nicht 100 Mann nach seiner Pfeife (und der des Dirigenten) tanzen um in den Zuhörern ein bestimmtes Gefühl auszulösen. Er sagte mal „wenn ich ernstes schrieb haben die Leute gelacht, wenn ich lustiges schrieb waren sie traurig“ – in diesem Sinne ist das Experiment von Halberstadt also doch sehr cagemäßig. In einem anderen Sinne allerdings nicht! Denn Cage wollte von seiner Musik überrascht werden, dieser Punkt wird in Halberstadt (vordergründig) nicht bedient, man weiß wann Klangwechsel sind, man kann in der Partitur nachsehen und den Klang schon vorher anhören, vielleicht lassen sich sogar die spannenden Interferenzen vorherberechnen die beim Rundgang in der Kirche immer wieder für Überraschungen sorgen. In diesem Sinne ist das Cage-Orgelprojekt keine gute Interpretation von ASLSP, wie auch die Aufführung mit Christoph Bossert  eindrucksvoll bewiesen hat, das hat einen umgehauen. Das Cage-Orgelprojekt orgelt mehr so vor sich hin …

Auch der Verweis auf die Lager der Region (Zerstörung, Arbeitslosigkeit usw.) tut bei der Beurteilung nicht zur Sache, denn die sind ja im Anbetracht der Aufführungsdauer nur sehr temporäre Erscheinungen. Es geht bei der Beurteilung dessen was möglicherweise Cage zu der Aufführung gesagt hätte und ob die Aufführung selbst ein Werk von Künstlerischem Rang ist nicht um den Ort sondern um dass was der künstlerische Zweck dieser Aufführung ist (oder sein könnte). Es ist mir nicht bekannt ob Cage tatsächlich an einer Art Musealisierung seines Werkes interessiert war, er hat sich ja sehr widersprüchlich zu Platten- und anderen Aufnahmen geäußert. In Silence schlägt er vor einen Club zu gründen der Platten oder Tonbänder vernichtet, es kommt auf die live-Aufführung an, gleichzeitig veröffentlichte er selber Platten. Von einem Journalist auf den Widerspruch angesprochen sagte er nur: So ist das Leben, es ist voller Widersprüche, aber das macht mir nichts aus.

Vielleicht lässt sich da her die Frage danach, wie Cage das Orgelprojekt gefunden hätte deshalb auf diesen Widerspruch reduzieren: Ich bin gegen eine Organisation die dies ermöglicht, gegen ein Haus das mir geweiht ist, gegen Anbetende Verehrung und ein „eisernes Konzept“ das 600 Jahre überdauern soll, aber mir gefällt es das es klingt und brummt und pfeift, das sich Leute treffen und gemeinsam über Musik reden, aber viel wichtiger Musik machen und zuhören und lachen, ich liebe das Lebendige. Es ist weniger die mutige Wette darauf dass das alles 600 Jahre halten soll, die ihm gefallen hätte, sondern diese Lebendigkeit die man bei vielen Beteiligten spüren kann und die den Geist der 100 Jahr Feier ausgemacht hat. Ich kann nicht wirklich sagen, wie Cage das Projekt gefunden hätte, aber er hätte es wie wohl auch seine Erben (möglicherweise aus anderen Gründen) nicht verboten und wäre wohl zu dem ein oder andern Meisterkurs erschienen. Es wäre eine tolle Sache wenn die Aktionen der 100 Jahr Feier nicht ein einmaliges Ereignis bleiben würde, sondern wenn es regelmäßige (oder unregelmäßige, zufällig alle 1 – 5 Jahre oder so) Veranstaltungen dieser Art in Halberstadt geben würde.

Die Wette auf die Zukunft, bzw. das musikalische Apfelbäumchen sind aber, genauso wie die alt ehrwürdige geschundene Buchardi-Kirche, sehenswerte Erzeugnisse der menschlichen Kreativität. Es ist eine Zeitkapsel in der die Jahrhunderte sichtbar werden und in der man sich seiner eigenen Unwichtigkeit bewusst wird. Dies ist wie gesagt aber für die Beurteilung dessen was Cage darüber gesagt hätte völlig unwichtig. Aber genau genommen ist die Frage „was Cage dazu gesagt hätte“ genauso unwichtig, vielleicht ist es hier schon so wie bei vielen „Stiftern von Lehren“ unter den Nachfolgern entsteht ein Wettstreit darum wer wohl der legitime Nachfahre ist. Man sollte da von Musikjournalisten nicht allzu viel erwarten. Ich denke da immer an das Zitat von Brecht über die Kritiker …«

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